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Warme Brüder geben Volldampf

Die neue Gas- und Dampfturbinenanlage im Heizkraftwerk Linden steckt in der heißen Testphase.

Außen Kult, innen Hightech: Das Heizkraftwerk Linden prägt seit den Sechzigerjahren das Stadtbild.

Linden liebt seine drei warmen Brüder und zeigt das oft und gerne – auf T-Shirts, Taschen und Wohn­zimmer­wänden. Die Kamine des Heizkraftwerks (HKW) gelten als Wahrzeichen des Stadtteils. Selbst in Firmenlogos tauchen sie auf. Ein Kraftwerk mit Kultcharakter, das zurzeit ordentlich Dampf macht.

Im Dezember hat die neue Gas- und Dampftur­binenanlage (GuD) den „heißen Betrieb“ aufge­nommen. Besonders an kalten Tagen sieht man weiße Wolken über dem Maschinen­hausdach aufsteigen. Dabei handelt es sich um reinen Wasserdampf, der beim Anfahren der Kessel und beim Start der neuen Dampfturbine entsteht. Regulär soll er vollständig innerhalb eines Behälters im Kraftwerk kondensieren. Während der laufenden Inbetriebsetzungsphase müssen Ingenieure und Techniker dazu aber noch einige Modifikationen vornehmen. Ab Sommer sollen die Maschinenstarts von außen nicht mehr sichtbar sein.

Die Modernisierung bewirkt eine Leistungssteigerung beim Strom von 100 auf 230 Megawatt (MW). Gleichzeitig verdoppelt sich die Fernwärmeleistung von 90 auf 180 MW. Die Verwendung von Erdgas bei einem Brennstoffnutzungsgrad von bis zu 90 Prozent soll pro Jahr mehr als 200.000 Tonnen CO2 einsparen. Damit ist der Umbau des HKW Linden die bislang wirksamste Maßnahme im Rahmen der Klima-Allianz 2020. Das Aktionsprogramm von enercity und der Landeshauptstadt Hannover sieht vor, den CO2-Ausstoß im Stadtgebiet bis 2020 gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 um 40 Prozent zu senken.


Harald Noske, Technischer Direktor der Stadtwerke Hannover AG
Nachgefragt bei ...
Harald Noske,
Technischer Direktor der Stadtwerke Hannover AG

Ein Kraftwerk mitten in der Stadt ist ungewöhnlich. Warum genießt das HKW Linden Kultstatus?
Heizkraftwerke mitten in den Städten sind überhaupt nicht ungewöhnlich. So begann vor mehr als 100 Jahren der Aufbau der Stromversorgung. Großer Vorteil solcher Standorte ist der kurze Transportweg für Strom und Wärme zum Verbraucher. Die Nähe von Erzeugerquelle Heizkraftwerk zu den sogenannten Lastsenken für Strom und Wärme minimiert die Transportverluste und ermöglicht die hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopp­lung, also die Erzeugung beider Produkte in einem verfahrenstechnischen Prozess und mit höchstem Wirkungsgrad. Das spart eine Menge Energie und schont das Klima. Der Kultstatus des HKW Linden ist sicherlich auf die markante, städtebaulich einmalige Silhouette der Kesseltürme zurückzuführen, hat aber auch viel zu tun mit dem vor Jahrzehnten geprägten liebevollen Spitznamen der „drei warmen Brüder“. Dieser steht auch für den seit 50 Jahren bekannten guten Nachbarn in Linden, den treuen Begleiter durch die Wirtschaftswunder-Entwicklung unseres Landes.
Seit Dezember läuft die Inbetriebsetzungsphase der neuen Gas- und Dampfturbine. Wie lange noch bis zum Dauerbetrieb?
Nach der Phase der Funktionskontrollen aller einzelnen Bauteile und Systeme der neuen Kessel- und Turbinenanlagen begann im Dezember 2011 die sogenannte „heiße Inbe­triebsetzung“. Die Gasturbinen wurden gestartet, die Abhitzekessel erzeugten den ersten Dampf und die Dampfturbine konnte angestoßen und erstmalig ans Netz geschaltet wer­den. Das weitere Test- und Optimierungsprogramm ist für eine so hocheffiziente und komplexe Anlage allerdings sehr umfangreich. Somit werden bis zum Erreichen der Zu­verlässigkeitsziele und Beginn eines kommerziellen Dauerbetriebes noch viele Monate vergehen. In einem solchen Prozess werden auch Fehler und Umbau- oder Nachrüs­tungserfordernisse auftreten. Ein genauer Termin ist daher noch nicht anzugeben.
Welche Hürden müssen Sie bis dahin noch nehmen?
Das schrittweise Hochfahren der Anlage auf die maximalen Lastpunkte und Effizienz­werte sowie das Erreichen der angestrebten Zuverlässigkeitskennzahlen steht im Vor­dergrund. Dazu kommt ein umfangreicher Funktionstest der Gesamtanlage, um jede erdenkliche Störungs- oder Ausfallsituation beherrschen zu können. Dazu wird die Schaltfestigkeit jedes Relais, der Ausfall jeder Pumpe, das versehentliche Schließen jedes Ventils und das Versagen jedes Regelkreises simuliert. Viele hundert Einzelkom­ponenten und Systeme werden auf Herz und Nieren geprüft. Denn die Gesamtanlage soll ja ein paar Jahrzehnte in jeder Situation sicher und verlässlich funktionieren. Und natür­lich mit bestmöglicher Wirtschaftlichkeit und höchster Brennstoffausnutzung Strom und Wärme für Hannover produzieren.
Kommt es in der Zwischenzeit zu Leistungseinbußen?
Ja, natürlich immer wieder. Am Ende des Test- und Optimierungsbetriebs wollen wir durchschnittlich 95 % Verfügbarkeit der Anlage erreichen, was bedeutet, dass wir bis zu 8.500 Stunden pro Jahr Betrieb machen können und lediglich 400 – 500 Stunden für Wartungs- und Reparaturarbeiten benötigen. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg, wie oben beschrieben. Leistungsbegrenzungen oder Ausfallsituationen fangen wir aber mit unseren drei anderen Kraft- und Heizkraftwerken in Mehrum, Stöcken und Herren­hausen sicher auf.
Was bedeuten die drei warmen Brüder für Sie persönlich?
Ich bin mit den „drei warmen Brüdern“ nun schon seit 25 Jahren gut vertraut, habe alle Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen miterleben dürfen, vom früheren Kohlebetrieb über die spätere Umstellung auf Erdgas bis zum Einbau modernster Gas- und Dampf­turbinen-Technologie. Der Standort lebt von seiner Flexibilität und seiner Zuverlässigkeit. Und das meine ich nicht nur bezogen auf die technischen Systeme, sondern vor allem bezogen auf die Kraftwerker, Handwerker und Ingenieure, die dort hoch engagiert arbeiten. Was vor 25 Jahren noch über 200 Mitarbeitende am Standort leisteten, wird heute von rund 60 Spezialisten geschultert. Auf diese Kollegen war und ist immer Ver­lass. Da ist das Heizkraftwerk und mit ihm ein wesentlicher Baustein der modernen und effizienten Strom- und Wärmeversorgung in guten Händen.